René Groebli. Farbzauberer

bis zum 23. Januar 2021, in der CHAUSSEE 36 Berlin

Das umfangreiche wie vielschichtige Œuvre des Schweizer Fotografen René Groebli (*1927) lässt sich schwerlich auf einen Stil reduzieren. Indem er immer wieder Neues wagt, hat er Maßstäbe in der Fotografie gesetzt. Besonders in der Farbfotografie zeigt sich seine Experimen-tierfreudigkeit. Es sind „magische Bilder“, die durch ihr Spiel mit Perspektive, Komposition, Verfremdung aber vor allem durch die Anwendung unterschiedlichster Techniken darauf abzielen, mit dem konventionellen Sehen zu brechen. Groebli leistete damit Pionierarbeit zu einer Zeit, als Schwarzweiß noch als „Farbe der Fotografie“ galt. Seine Fotografien erzählen die Geschichte der Farbfotografie und ihrer Anerkennung.

René Groebli wurde 1927 in Zürich geboren. Nach einer Fotografenlehre bei Theo Vonow war er Schüler unter Hans Finsler, der für die Neue Sachlichkeit steht und an der Kunstgewerbeschule Zürich die erste Fotoklasse aufbaute. Schnell realisierte Groebli, dass die Neue Sachlichkeit nicht seine Bildsprache ist, und wechselte nach einem halben Jahr zum Film, wo er eine Ausbildung zum Dokumentarfilm-Kameramann absolvierte. Man sei dort jedoch nur der „Handlanger“, begründete René Groebli seine Rückkehr zur Fotografie. Als Reportagefotograf bereiste er Afrika sowie den Nahen und Mittleren Osten. Mitte der 1950er-Jahre gründete er dann sein eigenes Fotostudio für Werbe- und Industriefotografie in Zürich und spezialisierte sich auf Farbfotografie. Schnell machte er sich einen Namen und dies weit über die Landesgrenzen hinaus.

So feierte ihn das US-amerikanische Magazin Popular Photography Color Annual 1957 als „Master of Color“. Berühmt wurde René Groebli jedoch vor allem für seine Schwarz-Weiß-Fotografien: „Magie der Schiene“ und „Das Auge der Liebe“ – seine beiden ersten Fotobücher – zählen heute zu den bekanntesten Motiven des Künstlers. 1981 verkaufte Groebli sein Fotostudio. Er arbeitet weiter als Künstler, bringt Fotobücher heraus und befasst sich mit seinem Bildarchiv.

Groeblis Werke exponieren neben dem Motiv auch das Medium der Fotografie und führen dessen Wandelbarkeit vor. Es ging darum, „Ideen in ein junges und damit überraschendes Medium zu übersetzen: Farbe zu denken, zu steuern, zu inszenieren.“ (Hans-Michael Koetzle) Insbesondere die Dunkelkammer spielte hierbei für den Künstler eine wichtige Rolle. Denn die Bilder entstan-den nicht vorwiegend im Moment der Aufnahme, sondern durch teils stundenlanges Bearbeiten unter Anwendung unterschiedlichster Techniken. Was heute per Photoshop und Mausklick ausgeführt wird, realisierte Groebli analog Jahre vor der Digitalisierung. Es entstanden so immer wieder neuartige Bild- und Farbkompositionen, Montagen und ungewöhnliche, assoziative Blick-winkel. Die Ausstellung präsentiert verschiedene Techniken, die der Künstler in seinen Farbfoto-grafien anwendete. So nutzte Groebli beispielsweise farbiges Licht, um nüchternen Werkhallen und technischen Vorgängen etwas Besonderes und Unerwartetes zu verleihen. Die subjektiv eingesetzten Farben schaffen Atmosphäre oder betonen die Bildaussage. Besonders ins Auge stechen die stark farbigen Porträts, beschränkt auf wenige kräftige Farben. Hierfür werden im Dye-Transfer-Verfahren die Bilder durch Farbauszüge in einzelne Grundfarben zerlegt, wobei diese getrennt voneinander beeinflusst und verändert werden können. „Dies kann durch spezielle Maskierung, durch mechanische oder fotografische Rasterung und Strukturveränderung, durch Umkehrung, Solarisation, Vertauschen von Farben oder Bildelementen und dergleichen mehr geschehen.“ (René Groebli) Die Fotografien lassen an Andy Warhols Siebdrucke denken, die ungefähr zur selben Zeit entstanden. Andere Porträts muten wie Gemälde oder Reliefs an. So zeigt das Porträt von Aja Iskander Schmidlin den Maler als habe er sich selbst mit dem Pinsel gemalt. Für andere Werke – wie René Groeblis New Yorks Serie – konstruierte der Künstler einen „Wunderkasten“, mit dem er mittels halbdurchlässiger Spiegel und Beleuchtung mehrere Fotografien zu einem Bild zusammenfügte. (Text: Mona Mathé)