BEUYS BLEIBT / BEUYS. A Close Up

Am 12. Mai 2021 wäre der Überkünstler Joseph Beuys (1921–1986), Heiliger und Ketzer zugleich, 100 Jahre alt geworden. Um dies zu würdigen, erscheint bereits im Januar 2021 das Buch „Beuys bleibt / Beuys – A Close Up“ des berühmten deutschen Fotografen Michael Ruetz (*1940), das den Mythos Beuys neu beleuchtet.

In den frühen 70er Jahren beschloss Michael Ruetz, „das singuläre Phänomen Beuys für die Überlieferung eingehender als bisher“ zu dokumentieren. Ungleich der vielen „Journalisten, Fotografen, Jüngern und Kunstverwertern, die alle etwas von Beuys wollten und erwarteten“, verfolgte Ruetz ein anderes Ziel: Es ging ihm um eine „ausführliche Betrachtung“, um die „Erkundung des eigentlichen Zeitgenossen hinter dem allzu bekannten, erschöpfend publizierten Beuys“.

Ruetz lernte Beuys über gemeinsame Freunde kennen. „Beuys lud mich nach einer Weile von sich aus ein, ihn hier- und dorthin zu begleiten. … Die à la sauvette entstehenden Bilder waren nicht für die baldige Veröffentlichung gedacht, sondern für die Nachwelt und allenfalls für Beuys´ eigene Zwecke.“

Innerhalb des Zyklus „Beuys bleibt“ gibt es natürlich die klassischen Porträts „mit den Accessoires, die ihn zur Marke machten: Axt, Hut, Weste“. Ikonisch aber wurden Ruetz Aufnahmen von Beuys´ Auftritt in Basel, als dieser sein sakrales Stück „Celtic“ aufführte und „bei Schnee und Eis in einem kalten Gelass aus Beton eine Paraphrase auf Taufe, Ausgießung des Heiligen Geistes und Kreuzigung“ darbot. Ein ähnliches Spektakel bot der Boxkampf, der anlässlich der legendären documenta 5 im Jahr 1972 zwischen Joseph Beuys und dem jungen Kasseler Studenten Abraham David Christian stattfand.

Wie kaum ein anderer verstand es Beuys, sich im Rampenlicht und vor den Kameras zu inszenieren. Ruetz Aufnahmen dringen jedoch durch diese Fassade und zeugen von seinem Gespür für den richtigen Augenblick, für Situationen und von seinem genauen Blick auf den Menschen. Dabei ist es die Körpersprache von Beuys, die sofort ins Auge springt. „Ob Beuys als Performer agiert, eine Ideenskizze auf dem dunklen Atelierboden mit heller Kreide anfertigt, mit dem Bleistift über seinem Notizbuch innehält, in Gedanken versunken und in sich gekehrt sitzt, mit halb geöffnetem Mund auf seinen Finger auf den Klaviertasten oder in sich hineinschaut, seinen Gegner im Boxkampf mit freundlichem Blick fixiert, still vergnügt oder aus vollem Hals und mit leerer Limoflasche in der erhobenen Hand lacht: Gestik und Mimik besitzen jenes gewisse Faszinosum, das nicht zuletzt dem Moment zu verdanken ist, in dem er die Aufnahme machte.“ (Werner Heegewaldt)